Kommentar

Jan Böhmermann ist ein Wunderheiler. Sein „wissenschaftliches“ Talent liegt in seiner subtilen Fähigkeit, bekannt Verborgenes plötzlich sichtbar zu machen. Damit sind nicht etwa seine kritisch-unterhaltsamen Recherchen zu Hintergründen in Systemen, bei Personen oder Institutionen gemeint. Das ist keine Kunst, das ist schlicht Fleißarbeit im Rahmen journalistischer Recherche.

Was Böhmermann auszeichnet, ist hingegen seine Gabe, den Spot – hier mit einem „t“(!) – auf kleine Wunden zu richten, die dann umfassendere Behandlung erfordern als ein Pflaster. Am 25. März richtete sich der Fokus seines „ZDF Magazin Royale“ auf die, in Böhmermanns Sinne, „mafiöse Schlagerwelt“ des Michael Jürgens.

Schaffer und Lenker von Protegé Florian Silbereisen, Stratege mit besten Drähten zu öffentlich-rechtlichen Sendern, insbesondere dem MDR, gnadenlos ausübender Marktmacher für inzwischen namhafte Künstlerinnen und Künstler. Mal ehrlich: Welchem in der Schlagerbranche Tätigem das bislang noch nicht aufgefallen war, dem ist nicht zu helfen.

Bashing eines Michael Jürgens? Geschenkt. In einer ZDF-Sendung gegen die ARD-Unterhaltung anstinken? Kann man machen.

Auffallend sind vielmehr die seit der Sendung hervortretenden Nebenwirkungen, um beim Vergleich der Wunde zu bleiben. Keine Kritik aus der bekannt-beliebten Schlagerfamilie. Die hüllt sich in Schweigen.

In sozialen Netzwerken tun sich hingegen diejenigen hervor, die seit Jahren eben nicht im Silbereisen-verwöhnten Rampenlicht stehen, sondern in der Belanglosigkeit vor sich hin dümpeln. Das schmerzt und kommt einem Offenbarungseid gleich.

Kritik darf nicht in Schadenfreude münden. Auf einen bereits fahrenden Zug (bekannt) unschöner Machenschaften aufzuspringen, ist billig. Überzeugender wäre es, schweigend ein teures Ticket zu kaufen und geruhsam in die erste Klasse einzusteigen.

Jürgens ist lediglich Sinnbild für eine inzwischen überladene Branche von Selbstdarstellern und ewig Hoffenden. Sein Name steht für andere Namen, die nicht minder aktiv starke Fäden ziehen. „Vitamin B“ kann helfen, Türen zu öffnen – doch am Ende muss immer geliefert werden. Wer das nicht tut oder kann, wird sich im Bashing verlieren. (Bild: ZDF)